Fünfundneunzig.
So alt wäre der große österreichische Provokateur und Dichter Thomas Bernhard heuer geworden. Anlass genug für Cassandra Rühmling, seine groteske Theaterkomödie „Immanuel Kant“ neu zu inszenieren. Ein wagemutiges Vorhaben: Inszenierte doch niemand Geringerer als Claus Peymann die Uraufführung am 15. April 1978 am Staatstheater Stuttgart. Eine Vorgabe? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Rühmling kreiert eine Schifffahrt im Kopf, bei der der reine Geist auf den Zeitgeist unserer Gegenwart prallt. Bernhard sagte einst über das Ende seines Stücks, in dem Kant in New York statt von der Universität von Irrenärzten empfangen wird: „Er endet in der Welt oder in der Geschichte, das ist ja auch ein Irrenhaus. Und der Stellenwert, den ein Philosoph dann in der Geschichte hat, das ist eigentlich der Stellenwert, den eine Zelle in einem Irrenhaus hat.“
Dieses Bild ist heute erschreckend zeitgemäß – vielleicht sogar akuter als in den 1970er-Jahren. Bernhard meinte, dass die Geschichte das monumentale Denken eines Philosophen isoliert, wegschließt und unschädlich macht. Heute ist dieses „Irrenhaus“ die digitale Informationsflut: Das Denken wird nicht mehr verboten, sondern im endlosen Rauschen der Meinungen isoliert. Es bekommt eine eigene kleine, algorithmische „Zelle“, in der es existieren darf, ohne das System da draußen ernsthaft zu stören.
Doch nun zur Handlung: Der historische Kant hat Königsberg nie verlassen – Bernhards fiktiver Kant unternimmt eine Atlantiküberquerung auf einem Luxusdampfer. An Bord: seine Frau (die er im wirklichen Leben nie hatte), sein Diener Ernst Ludwig und sein Papagei Friedrich. Ziel der Reise ist die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Columbia University in New York – und eine Operation am Grauen Star, die dem beinahe erblindeten Philosophen die Sehkraft zurückgeben soll. Zudem will Kant den USA das „Licht der Vernunft“ bringen, was in der Jetztzeit wie ein Treppenwitz der Geschichte wirkt. Mit an Bord: Typen des europäischen Großbürgertums – der Kunstsammler Sonnenschein, ein Kardinal, ein alter Admiral und eine Millionärin, die sich mit der Hebung der Titanic beschäftigt.
Cassandra Rühmling ist keine Anfängerin im Umgang mit Bernhard-Texten. 2024 gastierte sie bereits mit „Elisabeth II.“ im Emailwerk; als erste Regisseurin hat sie Bernhards Stücke in der österreichischen Freien Szene auf die Bühne gebracht. Sie spielt und inszeniert gleichzeitig – sie zeichnet also sowohl für die Gesamtwirkung der Aufführung als auch für die Rolle der Millionärin verantwortlich.
Ihr Rezept heißt Reduktion: statt aufwendiger Bühneneffekte eine konzentrierte, sprachfokussierte Lesart, angesiedelt im Ambiente eines traditionellen Kaffeehauses. Gespielt wird – später im Café Bazar in Salzburg – mitten im Publikum, was eine immense Nähe und Intensität erzeugt. Die Schauspielkunst, getragen von Stefan Fleming als Kant, Cassandra Rühmling als Millionärin und Jochen Könneck als Ernst Ludwig, erlaubt keine Sekunde des Zurücklehnens.
Rühmling fokussiert auf das Wesentliche und auf die „Sprache als Waffe“. Sie zielt darauf ab, durch die Spiegelung alltäglicher Verhaltensmuster auf der Bühne das kollektive Bewusstsein zu sensibilisieren. Beim Raumkonzept verzichtet sie bewusst auf die im Stück angelegte Dreiteilung Vorderdeck/Mitteldeck/Hinterdeck und inszeniert das Kaffeehaus als statischen Rahmen der „Gesellschaft auf hoher See“. Das Vorhaben geht auf: Kant als von Historizität und räumlicher Authentizität losgelöste theatralische Fantasie wirkt eindringlich, fast zauberhaft.
Bernhards Wiederholungsformeln – „Westnordwest / Volle Kraft voraus / Ideallinie“ – dienen ihr dabei als Verstärker: Jede Wiederholung treibt die Steigerung eine Nuance weiter, schaukelt sich hoch. Geschickt geht Rühmling auf die Musikalität der Bernhardschen Kunstsprache ein und nutzt sie als ästhetische Klammer. So gelingt es ihr, die tragische Seite der Geistesmenschen und ihre existenziellen Abgründe sichtbar zu machen – nein: fühlbar.
Rühmlings Inszenierung verweist auf die fast erschreckende Aktualität des Stücks. Bernhards Frage, wie viel der Stellenwert einer Zelle im Irrenhaus für den Geistesmenschen in der Geschichte wert ist, könnte zeitgemäßer nicht sein. Wenn Ernst Ludwig im letzten Drittel von Tisch zu Tisch geht, Kerzen verteilt und mit leierndem Hinweis aufs Lampionsfest das für Bernhard typische Untergangsmotiv aufruft, da prallen reiner, abgehobener Geist und absurde Realität ein letztes Mal aufeinander – wie ein letztes Aufbäumen.
Die Inszenierung misst sich damit an Bernhards eigener Vorgabe: eine dekadente Gesellschaft, die den Nörgler Kant hervorbringt und letztlich umbringt – und an der Frage, ob das Theater diesem Doppelcharakter aus Lächerlichkeit und Tragik gerecht wird. Es wird. Eine Sternstunde des Theaters. Und eine Vorpremiere in und an einem Ort - Seekirchen - den Bernhard immer geschätzt hat als einer, die ihm glückliche Zeiten beschert hat, so dieser Begriff für diesen Künstler überhaupt anwendbar ist.
(lf)
