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14.10.2026 09:15 - Uhr

Jo, des wird no wos!

StimmLos beweist im Emailwerk, dass 30 Jahre gemeinsames Singen zwar Spuren hinterlassen, aber keine Nebenwirkungen haben. Es gibt Fragen, die muss man nicht stellen. „Passt mir die Hose noch?“ gehört dazu. „War früher wirklich alles besser?“ ebenfalls. Und möglicherweise auch: „Ob des no wos wird?“ Zumindest dann, wenn acht Herren in Schwarz diese Frage auf der Bühne stellen. Denn die Antwort gab StimmLos am 9. Oktober im Emailwerk bereits nach wenigen Takten selbst: Jo des wird no wos. Und zwar ziemlich ordentlich.

Das Durchschnittsalter von StimmLos befindet sich mittlerweile auf einem Niveau, auf dem andere Boygroups höchstens noch für lukrative Reunion-Tourneen zusammenfinden. StimmLos war allerdings nie wirklich weg, und das hört man. Die Stimmen sind miteinander reifer geworden und gemeinsam gewachsen. Aus acht Sängern ist längst ein Klangkörper geworden, der ziemlich genau weiß, wann er sich zurücknehmen, wann er loslegen und wann er dem Kollegen nebenan die Bühne überlassen sollte.

Das neue Programm „Ob des no wos wird“ beschäftigt sich entsprechend augenzwinkernd mit dem Älterwerden oder, besser gesagt, mit der nahezu vollständigen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Musikalisch bedient sich StimmLos dabei eines Fundus, der ungefähr so breit gestreut ist wie die musikalische Entwicklung eines durchschnittlichen österreichischen Haushalts in den vergangenen fünf Jahrzehnten. Austropop trifft internationalen Pop, Schlager trifft Blues, große Gefühle treffen gepflegten Unsinn.

Mit „S' Leben is wiar Traum“, „Überdosis G'fühl“ und Wolfgang Ambros' „Blume aus dem Gemeindebau“ bewegt man sich zunächst auf ausgesprochen heimischem Terrain. Gerade diese Lieder passen mittlerweile erstaunlich gut zu StimmLos. Vielleicht, weil Texte übers Leben und Lieben mit Anfang zwanzig noch deutlich unbedarfter klingen als mit wissenden 50 plus. Und vielleicht auch deshalb, weil acht Männerstimmen einem Austropop-Klassiker jene Mischung aus Wärme, Melancholie und Bodenhaftung verleihen können, die man mit keinem noch so großen Instrumentarium kaufen kann.

Bei StimmLos besteht das Orchester schließlich ausschließlich aus körpereigenen Instrumenten. Das spart Transportkosten und schafft ebenjene StimmLos-Atmosphäre, von der manche herkömmliche Band nur träumen kann.

Dass das Ensemble stilistisch keine Berührungsängste kennt, beweist der Abend anschließend eindrucksvoll. Billy Joels „For the Longest Time“ gehört praktisch zum natürlichen Lebensraum eines Männer-A-cappella-Ensembles. Bei „Itsy Bitsy Teenie Weenie“, „Speedy Gonzales“ oder „Sugar Baby Love“ hingegen darf man durchaus vermuten, dass der Spaßfaktor bei der Auswahl mindestens ebenso wichtig war wie musikhistorische Überlegungen. Und spätestens bei „Dancing Queen“ wird klar: ABBA funktioniert auch ohne Plateaustiefel, Glitzerkostüm und schwedische Originalbesetzung. Acht Herren reichen. Vorausgesetzt, sie nehmen die Musik ernst und sich selbst nicht ganz so sehr. Das ist seit Jahren eine der großen Stärken von StimmLos.

Die acht Sänger gehen nie den gefährlichen Weg, aus bekannten Liedern lediglich sauber intonierte Kopien der Originale zu machen. A cappella funktioniert hier vielmehr als musikalische Neuerzählung. Stimmen übernehmen Rhythmus, Begleitung, Klangflächen und natürlich die Melodie. Mal trägt ein Solist die Geschichte, während die übrigen sieben ihm den vokalen Teppich unter die Füße legen, mal verschmilzt alles zu jenem Close-Harmony-Klang, der zum Markenzeichen des Ensembles geworden ist.

Besonders schön ist, dass StimmLos dabei nicht versucht, zwanghaft jung zu wirken. Dafür wäre es ohnehin zu spät. Und zum Glück ist das auch völlig unnötig. Stattdessen wird das weise Senatorentum zum Teil des Programms. Wer seit 30 Jahren gemeinsam singt, darf darüber Witze machen. Über sich selbst sowieso. Dass manches Lied langjährigen StimmLos-Besuchern bekannt vorkommt, ist dabei kein Mangel, sondern beinahe schon Teil des Konzepts. StimmLos liefert ein 30-jähriges Vokalkompendium. Gute Lieder muss man schließlich nicht in Pension schicken, nur weil man selbst langsam über dieselbe nachdenken könnte.

Und so pendelt der Abend zwischen musikalischer Präzision und gepflegtem Schmäh, zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Gefühl und jenem Humor, den StimmLos seit Jahren kultiviert. Dass die acht Sänger offiziell Amateure sind, gehört dabei fast schon zum Witz. StimmLos selbst beschreibt sich durchaus selbstironisch als „Dilettanten“, als Musiker aus Lust – und genau das hat auch beim Konzert „Ob des no wos wird“ das Publikum einmal mehr begeistert.

Am Ende bleibt deshalb vor allem eine Erkenntnis: Ob des no wos wird? Die Frage ist falsch gestellt. Es ist längst etwas geworden. Solange acht Männer noch gemeinsam mit dieser „Überdosis G'fühl“ singen können, besteht ohnehin kein Grund zur Sorge.

(mw)