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14.10.2026 09:15 - Uhr

Wenn Töne Zeugnis ablegen — Jonathan Lucas Hauser im Emailwerk Seekirchen

Was kann Musik bewirken, wenn ein einzelnes Klavier auf Bilder menschlichen Leidens trifft? Jonathan Lucas Hauser gibt mit seinem gesamten Konzertabend eine zurückhaltende, aber eindringliche Antwort: Musik muss nicht belehren – sie kann hörbar machen, was sonst im Schweigen verschwindet.

Das Programm mit dem Titel „Alarm für Menschenrechte" sprengt von Beginn an den Rahmen eines klassischen Klavierabends. Hauser arbeitet für dieses Projekt mit dem Österreichischen Menschenrechtsinstitut bzw. der Universität Salzburg sowie dem US-amerikanischen Dokumentarfotografen Joel Carillet zusammen und verwebt Klavier, Fotografie und die Auseinandersetzung mit Menschenrechten zu einem zusammenhängenden Erzählerlebnis. Der Konzertraum im Emailwerk Seekirchen ist mit seiner Größe genau der richtige intime Rahmen, der die Distanz zwischen Künstler und Zuhörer*innen minimiert – und genau diese Nähe verleiht dem Abend eine Kraft, die eine Arena-Produktion nie erreichen könnte: Zwischen Publikum, Musik und Bildern passt kein Blatt.

Um Hausers Musik zu verstehen, muss man verstehen, warum er überhaupt am Klavier sitzt. Ursprünglich studierte Hauser Maschinenbau. Als Konstrukteur kam er zunehmend mit Rüstungsaufträgen in Berührung und erkannte schließlich, dass er „das persönlich nicht mit sich vereinbaren konnte" – er kündigte und wandte sich der Musik zu. Seither reist er immer wieder in die Ukraine und in den Libanon und übersetzt seine Eindrücke von Krieg und humanitärer Krise in Kompositionen. Als er in Kiew „Leb wohl" spielte – ein Stück, das Menschen gewidmet ist, die durch Krieg von ihren Angehörigen getrennt wurden –, heulten plötzlich die Luftschutzsirenen. Das Stück erhielt in diesem Moment seinen grausamsten und zugleich wahrhaftigsten Kontext.

Die zentrale Spannung des Abends entsteht aus dem Zusammenspiel von Klavier und Carillets dokumentarischen Fotografien. Hausers Spiel ist zurückhaltend und introvertiert, die ostinaten Figuren im tiefen Register wirken oft wie ein unruhiger Herzschlag, über dem sich die Melodien der rechten Hand beinahe improvisatorisch entfalten. Seine Kompositionen sind erkennbar von der Filmmusiktradition geprägt – Atmosphäre zuerst, das Emotionale bahnt sich über lange Strecken an, um dann mit einem einzigen Ton zu treffen.

„Musik, die spricht, wo die Sprache verstummt" – so lautet das Credo dieser Tournee. Im Emailwerk wird es konkret. Während ein Akkord in der Luft hängen bleibt, zwingen die Bilder auf der Leinwand das Publikum, jenen konkreten Gesichtern zu begegnen, die in politischen Debatten zu Abstraktionen werden. Die Musik ist hier keine Begleitung, sondern ein Kanal der Empathie: Sie erklärt die Bilder nicht, aber sie macht das Hinsehen unausweichlicher. Der Dialog von Bild und Musik erzeugt ebenso Faszination wie Betroffenheit. Hauser belehrt sein Publikum nicht mit Worten darüber, was es fühlen soll – sein Ausdruck geschieht vollständig durch die Musik. Über gut eine Stunde wird das Klavier zu einer Art „Ethik der Anwesenheit": Jedes Stück wirkt wie eine Antwort auf eine konkrete Situation, nicht wie ein allgemeines Sprechen über die große Idee „Menschenrechte".

Jonathan Lucas Hausers Konzert Im Emailwerk lässt sich schwer einfach mit „schön" bewerten – obwohl es das zweifellos ist. Treffender wäre: Es ist ein notwendiges Hinhören. In einer Zeit, die an Informationen überreich und an Empathie arm ist, baut Hauser mit Klavier und Bildern einen Raum, in dem das Publikum gezwungen wird, langsamer zu werden, hinzusehen und zu fühlen. Das ist vielleicht kein Abend zum Entspannen – aber einer jener Abende, von denen man wunderschöne Musik und berührende Bilder mit nach Hause nimmt - und Gedanke, die einen nicht so schnell aus dem Kopf gehen.

(lf)