Sophie Abraham im Emailwerk: Die Kraft des Dazwischen
Es gibt Konzerte, die beginnen mit dem ersten Ton. Und es gibt Konzerte, bei denen die Musik schon vorher im Raum liegt. Und es gibt Konzerte, nach denen man ein Instrument anders hört als zuvor. Die Matinee mit Sophie Abraham am letzten Sonntag des Septembers im Emailwerk Seekirchen war so ein Konzert.
Die österreichische Cellistin, Komponistin und Sängerin präsentierte ihr neues Album „The Beauty in Between“ – und zeigte dabei eindrucksvoll, wie weit sich die Grenzen eines scheinbar vertrauten Instruments verschieben lassen. Abraham bewegt sich zwischen klassischer Musik, Jazz, zeitgenössischer Komposition, Songwriting und elektronisch inspirierten Klangwelten. Doch ihre Musik wirkt nie wie eine Demonstration musikalischer Möglichkeiten. Sie entsteht aus der Lust am Ausprobieren, am Überschreiten und vor allem am Offenlassen.
Schon der Titel des Albums ist dabei Programm: The beauty in between - die Schönheit des Dazwischen. Abraham interessiert sich für jene Räume, in denen sich Kategorien auflösen – zwischen Komposition und Improvisation, zwischen Instrumentalmusik und Song, zwischen akustischem Klang und elektronischer Anmutung. Ihr Cello streicht, zupft, klopft, singt und wird manchmal zum beinahe rhythmischen Instrument.
Dabei ist es erstaunlich, welche Klangfülle eine einzelne Musikerin im Raum entstehen lassen kann. Aus dem klassischen Cello entwickelt Abraham dichte Klangflächen, filigrane Melodien und rhythmische Strukturen. Ihre Stimme kommt hinzu und macht aus manchen Passagen Songs, nein, mehr. Es sind fein verwobene Klangwelten mit vielfach geschichteten Cello- und Gesangsspuren, die sie auch mithilfe effektivst eingesetzter Loop-Technik entstehen lässt. Doch die Technik ist nur ein Vehikel, ein Werkzeug, dass dem Publikum zu einem orchestralen Erlebnis verhilft.
Doch die eigentliche Stärke liegt nicht in der technischen Virtuosität. Es ist die persönliche Dimension dieser Musik. Wie bereits bei ihrem ersten Soloalbum „Brothers“ sind auch bei „The Beauty in Between“ persönliche Erfahrungen Ausgangspunkt für die Kompositionen. Abraham macht daraus allerdings keine musikalische Selbstdarstellung. Das Private bleibt spürbar, ohne sich aufzudrängen. Gerade dadurch bekommt ihre Musik eine besondere Nähe.
Das „Dazwischen“ ist bei Sophie Abraham deshalb nicht bloß ein musikalisches Konzept. Es ist eine Haltung. Eine Einladung, nicht alles sofort einordnen zu müssen. Und vielleicht auch ein leises Plädoyer dafür, Widersprüche und Uneindeutigkeiten auszuhalten, anstatt sie möglichst schnell in Schubladen zu stecken. Im Emailwerk wurde daraus ein ungewöhnlich konzentrierter Sonntagvormittag. Das Publikum folgte der Musikerin aufmerksam durch die unterschiedlichen Klanglandschaften, ließ sich auf die stillen Momente ebenso ein wie auf die rhythmisch verdichteten Passagen. Und es zeigte am Ende sehr deutlich, wie sehr diese Mischung aus musikalischer Präzision, Experimentierfreude und persönlicher Offenheit berühren kann: Der Applaus war lang, herzlich und begeistert.
Sophie Abraham hat an diesem Vormittag nicht einfach ein neues Album vorgestellt. Sie hat gezeigt, was entstehen kann, wenn man musikalische Grenzen nicht als Mauern, sondern als Übergänge versteht. Und wahrscheinlich ist genau das die „Beauty in Between“, von der ihr Album erzählt: Nicht das Entweder-oder, sondern der überraschend lebendige Raum dazwischen.
(lf)
