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25.09.2026 08:00 - Uhr

Der Tod hat heute frei

Es gibt Abende, an denen man ein Konzert besucht und hinterher sagen kann: Das war schön. Es gibt andere, da sagt man: Das war laut. Und dann gibt es Abende mit Kreisky. Nach denen man zunächst ein wenig schweigt, weil die Ohren noch mit dem Nachdenken beschäftigt sind. Am 18. September war das Emailwerk in Seekirchen Schauplatz eines solchen Abends. Kreisky waren gekommen, um „Adieu Unsterblichkeit“ vorzustellen. 

Die Band selbst ist mittlerweile seit mehr als zwanzig Jahren unterwegs, und während andere Bands nach so langer Zeit gelegentlich beginnen, sich in jugendliche und ein bisserl peinliche Bahnen zu flüchten, macht Kreisky das einzig Richtige – sie stehen zu ihrer Seele. Ja, das mag anfangs ein wenig eigen anmuten – zugegeben. Da stehen ein paar Jahrgänge, stellenweise im Sakko, und röhren ein wenig „rockerisch“. Aber das ist der Anfang. Die Sakkos verschwinden, die zelebrierte Publikumsnähe wird ehrlich, und dann beginnt Kreisky – von Stück zu Stück mehr purer Indie-Rock im Stil jener Indies der Neuen Deutschen Welle, die damals alles hierzulande in den Grundfesten erschüttert haben. Unangepasst, knackig und vor allem echt! So richtig echt! Das passt zum Titel des Abends. 

„Adieu Unsterblichkeit“ klingt schließlich nicht nach einem Abschied mit Taschentuch, sondern eher nach einer höflichen Kündigung des ewigen Lebens. „Sehr geehrte Unsterblichkeit, vielen Dank für Ihre bisherigen Bemühungen, aber wir haben uns anders entschieden.“ Und so war auch dieser Abend. 

Franz Adrian Wenzl, Helmuth Brossmann, Klaus Mitter und Martin Max Offen­huber standen nicht auf der Bühne, um das Publikum bei der Hand zu nehmen und ihm zu versichern, dass am Ende schon alles gut werden werde. Dafür wären andere zuständig. Kreisky machen etwas Schwierigeres: Sie schauen gemeinsam mit ihrem Publikum dorthin, wo man normalerweise lieber nicht hinschaut. Sie beleuchten Themen, bei denen es Gleichaltrigen selbst nach all der Zeit unter die Haut geht – und zum Teil nicht gut geht. Und dann drehen sie den Verstärker auf. Das kann durchaus befreiend sein. 

Denn so finster die Themen sind, so wenig depressiv ist die Angelegenheit. Kreisky besitzen einen eigentümlichen Humor, der gerade deshalb funktioniert, weil er nicht ständig mit einem Schild winkt: Achtung, jetzt kommt ein Witz. Das Komische sitzt vielmehr mitten im Unglück. Ein Mensch steckt im Alltag fest, die Welt ist unerquick­lich, die gesellschaftliche Maschine rattert – und plötzlich entdeckt man darin einen Satz, eine Wendung oder eine Situation, über die man lachen muss. Nicht weil sie lustig wäre. Sondern weil sie leider wahr ist. Vielleicht ist das eine der größten Stärken dieser Band: Kreisky können dem Schrecken seine Würde lassen und ihm trotzdem die Zunge herausstrecken. Das Publikum im Emailwerk ließ sich darauf ein. 

Die Reise ging durch die neuen Stücke, aber natürlich durfte auch die Vergangenheit nicht ganz zu Hause bleiben. Schließlich sind Kreisky längst selbst ein Stück österreichischer Musikgeschichte. 2005 gegründet, entwickelte sich die Band von einer rauen Schülerrockformation zu jener eigentümlichen, zwischen Rock, Theater, Satire und Gesellschaftsbeobachtung pendelnden Institution, die sie heute ist. 

Das aktuelle Album wirkt dabei keineswegs wie eine Rückschau. Eher wie ein Blick auf die Gegenwart mit einem Gesichtsausdruck, den man von jemandem kennt, der gerade festgestellt hat, dass der Rauchmelder zwar funktioniert, aber leider im eigenen Haus hängt. Die Musik von Kreisky hat auf Platte schon etwas Unruhiges, aber im Konzert bekommt diese Unruhe Beine. Die Stücke werden nicht einfach abgespult, sondern entwickeln einen eigenen Sog. Mal scheint sich alles gefährlich zusammenzuziehen, dann bricht die Spannung auf. 

Wenzls Stimme steht dabei irgendwo zwischen Erzähler, Ankläger und Minisex, bei denen „Ich fahre mit dem Auto“ aus Klamauk etwas Beengendes wird – sofern man nur zuhört. Und die Band dahinter arbeitet wie eine gut geölte Maschine, die sich weigert, vernünftig zu funktionieren. Das ist vielleicht überhaupt ein schönes Bild für Kreisky: eine Maschine gegen die Maschinen. Vier Menschen, die seit zwei Jahrzehnten ziemlich genau wissen, was sie tun – und gerade deshalb immer wieder so klingen, als könnte gleich etwas aus dem Ruder laufen. 

Im Emailwerk hat das funktioniert. Der Abend war keine musikalische Wellnessveranstaltung. Niemand wurde sanft in die Komfortzone zurückgetragen. Aber vielleicht braucht Kultur das auch nicht immer. Vielleicht darf ein Konzert gelegentlich ein kleiner Riss im Gewohnten sein. Und irgendwann ist dann Schluss. Man tritt hinaus in den Seekirchner Abend und stellt fest: Die Welt ist noch immer dieselbe. Leider. Glücklicherweise. Die Unsterblichkeit darf also gehen. Kreisky dürfen bleiben.

(mw)